Zwei Österreicher rücken alltägliche Konflikte in ein ungewohntes Licht
Ort des Geschehens ist die Achsiedlung, ein Wohngebiet im österreichischen Städtchen Bregenz am Bodensee. Es handelt sich um ein dicht besiedeltes Gebiet. Rund 3.000 Menschen, ca. 10% der Stadtbevölkerung, leben hier in Plattenbauten und Einfamilienhäusern. Hohe Arbeitslosigkeit, Langeweile und die stark migrantisch geprägte Einwohnerstruktur sorgen häufig für Konflikte und brachten der Siedlung ein negatives Image ein.
Für gewöhnlich interessiert man sich hier wenig für Kunst und auch die Kunst interessierte sich bisher wenig für die Achsiedlung. Alexandra Berlinger und Wolfgang Fiel sollten dies ändern. Die beiden Künstler, die aus dieser Region kommen und inzwischen in Wien leben, setzen sich seit längerem mit sozialen Brennpunkten und Nachbarschaftskonflikten auseinander. Seit 2002 bilden sie, gemeinsam mit Andreas Berlinger, die Künstlergruppe tat ort, die aus der Idee einiger Architekturstudenten hervorging. Das Interesse für Urbanität und Architektur ist bis heute geblieben. Ein Stipendium der Fundación Bilbao Arte im Rahmen des Artists in Residence – Projektes 2006 vertiefte und formte ihre Beschäftigung mit dieser Thematik und brachte ein neues Projekt hervor, das nun in Bregenz seinen Anfang nahm. Für diese längerfristig geplante Studie beobachten Berlinger und Fiel die Gegebenheiten in einem verdichteten Wohnraum, leben eine Weile in ihm, werden Teil von ihm und übersetzen die gegebenen Strukturen, Problematiken und Gefühle der Bewohner in eine künstlerische Sprache. Realität wird modellhaft vom Großen ins Kleine überführt und gleichzeitig intensiviert. Dadurch wird auf Konflikte ein völlig neues Licht geworfen und sie erscheinen in neuem Kontext.
Im Falle der Achsiedlung nahm die Konzeptsuche und Vorbereitung sechs Wochen in Anspruch, auf die zwei Wochen der Umsetzung folgten. Aufgefallen ist der Lärmpegel der Siedlung und die damit einhergehenden Beschwerden der Anwohner. Hier setzten sie an. Insgesamt sechs Mikrofone wurden im Umkreis der Künstlerwohnung aufgestellt und jeweils mit großen Lautsprechern innerhalb der Räume verbunden. So waren Alexandra Berlinger und Wolfgang Fiel der Geräuschkulisse der Wohnsiedlung 14 Tage lang 24 Stunden am Tag ausgeliefert. Alles, vom Geschrei der Kinder, dem Geschwätz vorübergehender Nachbarn, dem beabsichtigten Lärmen übermütiger Jugendlicher usw., fand sich im eigenen Wohnzimmer wieder. Das Geschehen außerhalb wurde praktisch nach innen gekehrt und das große Thema Lärmbelästigung in der Achsiedlung bekam ein völlig neues Gewand. Die Grenze zwischen öffentlichem Raum und Privatsphäre verschob sich automatisch. Verstärkt wurde diese Öffnung der behüteten häuslichen Atmosphäre dadurch, dass die Wohnung den Menschen jederzeit offen stand und zu einer Art Meetingpoint wurde. Die Menschen wurden in das Projekt miteinbezogen und Teil von ihm. Sei es durch einen Workshop, in dem die Jugendlichen Holzpavillions für die Mikrofone bauten oder durch direkte Gespräche und Hörerfahrungen in der Wohnung der Künstler. Kunst wurde ein Thema in den Gedanken und Gesprächen der Menschen, und ganz nebenbei fand plötzlich eine Auseinandersetzung mit ihr statt, aus der mal Neugier und Interesse, mal Unverständnis und Ablehnung gegenüber den Künstlern und ihrer Arbeit hervorging. Doch sicher ist, dass der künstlerische Einfluss und die ungewohnte Konfrontation mit Konflikten für einen sozialen Wohnraum wie diesen auch als Chance und Annäherung zwischen Kunst und Alltag gesehen werden kann.
Vor wenigen Tagen wurde dieser erste Teil der Studie von Alexandra Berlinger und Wolfgang Fiel beendet.
Ein Video, sowie eine dokumentierende Publikation sollen folgen und am 22. Mai im Kunsthaus Bregenz präsentiert werden. Doch auch schon auf der Viennafair, die vom 24. bis 27. April in Wien statt findet, werden sie anzutreffen sein und ihre Ideen vorstellen können.
Bereits jetzt sind die beiden engagierten Künstler auf der Suche nach neuen Brennpunkten und Herausforderungen und man darf auf die Weiterführung ihres Projekts gespannt sein. Weitere Informationen gibt es unter http://www.tat-ort.net/.













